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Wo die Uhren anders ticken

Pünktlich sein, das versteht sich bei geschäftlichen wie privaten Terminen von selbst. Dumm ist nur, dass der Begriff „Pünktlichkeit“ weltweit höchst unterschiedlich ausgelegt wird.

Zehn Minuten zu früh im Meetingraum, das bedeutet in Deutschland oder Österreich, sich mit den ersten anderen Teilnehmern noch ein wenig zu unterhalten oder noch schnell einen Kaffee aus dem Automaten um die Ecke zu holen. In Indien könnte man diesen Kaffee mit großer Wahrscheinlichkeit auch noch in aller Ruhe trinken. Allein, vor leeren Stuhlreihen, denn bis zu 30 Minuten Verspätung sind nicht erwähnenswert. Privat ist die europäische Form der Über-Pünktlichkeit sogar noch ein wenig folgenschwerer. Wer in Delhi oder Mumbai auf die Minute genau zum privaten Dinner erscheint, kann mit dem Anblick der Gastgeber in Bademantel und Lockenwickler belohnt werden, denn niemand, wirklich niemand, würde allen Ernstes um 20 Uhr erscheinen, wenn er für 20 Uhr eingeladen wurde, sondern frühestens eine dreiviertel Stunde später. Auch in Südeuropa ist Pünktlichkeit bei Einladungen eher ungewöhnlich. In Japan dagegen zieht sie sich durch alle Bereiche des Lebens, selbst bei der Bahn: Verspätet sich der schnelle Shinkansen-Zug, kommen die Fahrgäste in den Genuss einer Entschuldigung per Lautsprecher, die ungefähr so lange dauert wie die Verspätung selbst.

Zeit ist relativ
Im Grunde lässt sich die Welt in zwei Zonen einteilen: die der Pünktlichen und die der Unpünktlichen. Die Pünktlichen brauchen einen festen Zeitrahmen, genaue Zeitangaben und die Möglichkeit, Abläufe durch striktes Management zu beherrschen. „Monochron“ nennt sich dieses Modell, das meist dem Mitteleuropäer näherliegt. In den „polychronen“ Regionen, wie z.B. in den meisten Ländern Südamerikas, Afrikas und Asiens, laufen viele Dinge gleichzeitig ab, und das geschieht nicht ohne Terminkollisionen. Selbst in Singapur sollte man Termine noch einmal rückbestätigen. Oder rück-rückrückbestätigen und tapfer schlucken, wenn der verabredete Ansprechpartner doch nicht da ist. Weil zum Beispiel ein anderer, wichtiger, aber noch kürzer anberaumter Termin dazwischenkam. Manchmal muss man gar nicht weit fahren, um in eine andere Pünktlichkeitszone zu kommen: Belgische Business-Meetings beginnen pünktlich – oder auch nicht, denn in der Regel warten die Teilnehmer, bis auch der letzte eingetrudelt ist. Die Tatsache, dass dieser einen frischen Kaffee in der Hand trägt und offensichtlich trotz Verspätung Zeit für einen Umweg zur Cafeteria gefunden hat, ruft nicht einmal Stirnrunzeln hervor.

Pünktlich nur mit Ansage
Doch was tun chronisch verspätete Kulturen, wenn es wirklich um die Minute geht? In Brasilien behilft man sich mit dem Ausdruck „English Time“ – dann heißt es pünktlich kommen. In Peru wiederum beginnt die „hora exacta“ – das pünktliche Erscheinen – genau 30 Minuten später. So eine Art doppeltes „cum tempore“, wie man es in Deutschland von den Universitäten kennt. Weil die Peruaner das wissen, geben sie bei zeitlich gebundenen Terminen gleich die halbe Stunde dazu. Die Gäste sind dann quasi pünktlich. Nur der ahnungslose Mitteleuropäer steht dann seit einer halben Stunde dumm rum. Nun könnte man meinen, solche Werte ließen sich auswendig lernen: Indien plus 30 Minuten, Senegal plus 15 ... quasi wie eine internationale Temperatur- und Wetterkarte. Doch Achtung! Auch der wissende Reisende kann sich danebenbenehmen: „Gut, dann komme ich eben auch ein bisschen zu spät“, denkt er sich und verprellt seine Gastgeber, die von einem Deutschen, Schweizer oder Österreicher Pünktlichkeit erwartet hätten – dafür sind sie schließlich bekannt!

Quelle: CWT Connect Magazine 01/2018