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Das Hotel von morgen

 

Wer viel reist, der wünscht sich mehr als nur eine Übernachtungsmöglichkeit. Das Hotelzimmer soll auch Platz zum reibungslosen Arbeiten, Komfort und Flexibilität bieten. Das Hotel der Zukunft kann schon viel mehr.

 

Ein Leuchtstreifen weist den Weg zum richtigen Zimmer, die Tür umrahmt ein blinkender Lichtkranz. In Blau, Grün oder Rot, je nach Vorliebe. Das Smartphone dient nicht nur als Kompass und Türöffner, mit ihm lassen sich auch Raumtemperatur, Beleuchtung und Beduftung regulieren. Vorhänge können ferngesteuert auf- und zugezogen und Fenster in Monitore verwandelt werden, um darauf Informationen zu visualisieren oder die Präsentation vom nächsten Tag nochmals durchzugehen. Sogar das Bett gehorcht dem mobilen Endgerät. Ein Wisch übers Display und Sie werden sanft in den Schlaf geschaukelt.

 

Was wie eine Szene aus einem Science-Fiction-Roman klingt, ist so aktuell wie spannend und sowohl Forschungsfeld als auch Feldforschung. Seit acht Jahren beschäftigt sich das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) damit, wie das Hotel der Zukunft aussehen könnte, welche Möglichkeiten das Zusammenwachsen von Kommunikations- und Informationstechnologie, von realer und virtueller Welt birgt. Erforscht und erprobt wird die technische Revolution in zwei verschiedenen Laborumgebungen. Gestartet ist das Projekt im Duisburger Innovationszentrum mit dem Hotelzimmer des Jahres 2020. Im Urban Living Lab in Stuttgart haben die Wissenschaftler das Zimmer um Rezeption und Lobby ergänzt.

Steigende Ansprüche der Reisenden

Um Theorie und Praxis zu verzahnen, arbeitet das Institut eng mit Partnern aus Hotellerie und Industrie zusammen. Aus Workshops und Befragungen werden Daten und Expertenwissen gewonnen. Zentrale Erkenntnis aus der jüngsten Befragung von knapp 3.400 Gästen: Immer mehr Reisenden ist es wichtig, ihren Aufenthalt individuell gestalten zu können. Fast die Hälfte möchte sich bereits vor der Anreise ein bestimmtes Hotelzimmer auswählen können – ähnlich wie einen Sitzplatz im Flugzeug. Die steigenden Ansprüche von vielreisenden Führungskräften bestätigt auch die Studie „Chefsache Business Travel 2016“, die im Auftrag des Deutschen ReiseVerbands (DRV) ausgearbeitet wurde. Aus ihr geht hervor: Mit der Zahl der Reisen steigen die Bedürfnisse. 85 Prozent der 220 Befragten ist es wichtig, dass sie im Hotelzimmer reibungslos arbeiten können. Wer Berufliches unterwegs erledigen kann, so der DRV, der verhindert, dass sich zu Hause die Akten auf dem Schreibtisch türmen.

Der FutureHotel-Prototyp im Test

Ein Aspekt, den auch die Untersuchung des Fraunhofer IAO belegt. „Geschäftsreisende – gewöhnt an moderne Technik und stets verfügbare Daten – erwarten, dass Hotels sie in ihren mobilen Arbeitsgewohnheiten unterstützen“, folgern die Forscher. Wer also im beruflichen Alltag auf Smartphone und Tablet zurückgreift, möchte auch unterwegs seine Reservierungen, Anmeldungen und Geschäftliches wie gewohnt erledigen. Digital organisiert, digital vernetzt. Im Optimalfall, so das Resümee, böten Herbergen büroähnlich ausgestattete Einzelarbeitsplätze oder einen großen Esstisch für kommunikatives Teamwork. Die befragten Reisenden beanstanden aktuell insbesondere die oft zeitaufwendige Prozedur für Check-in und Check-out. Kaum etwas stört offenbar mehr als lange Warteschlangen bei An- und Abreise. Trotzdem möchten drei Viertel persönlich begrüßt werden. Ein Dilemma?

 

Im Hotel Schani, fünf Fußminuten vom Wiener Hauptbahnhof entfernt, wird seit Frühjahr 2015 im realen Betrieb getestet, wie sich scheinbar Widersprüchliches vereinbaren lässt. Hier können Gäste persönlich an der Rezeption, aber auch übers Smartphone einchecken. Dieses dient während des Aufenthalts zudem als mobile Kommandozentrale – in der österreichischen Hauptstadt hat die Zukunft bereits begonnen. Dieser Wiener Prototyp des Smart Hotel basiert auf dem Know-how des Fraunhofer IAO. Gäste können ihr Zimmer nicht nur online buchen und dabei definieren, in welchem der 135 Räume sie übernachten möchten. Der Check-in und das Entriegeln der Tür funktionieren ebenfalls digital. Außerdem sind in den Zimmern Forschungsergebnisse über moderne Lichtkonzepte eingeflossen. Zum Beispiel steuert ein Sensor in der Matratze die Lichtstärke – damit man beim Aufstehen nicht gleich in grelles Licht blickt. Arbeiten können Gäste allein oder gemeinsam. Neben der multifunktionalen Rezeptionsinsel beherbergt die Lobby eine Coworking-Area mit 20 Plätzen.

Dauerlächelnde Damen am Empfang

Wie das Smart Hotel bei Gästen und Mitarbeitern ankommt, wo noch justiert werden muss, wollen die Wissenschaftler im nächsten Schritt evaluieren. Die Forschungsphase hat im April begonnen und läuft bis Oktober 2017. Hoteltablets, die auf die Cloud-Dienste der Reisenden zurückgreifen, jederzeit und passend zu Gewohnheiten und Vorlieben Angebote aufs Display spielen zum unmittelbaren Buchen oder Liken: Noch ist die totale Vernetzung zumindest in Deutschland eine Vision. In Asien hat man schon eine andere technische Stufe erklommen. So lassen sich im japanischen Henn-na Hotel nahe Nagasaki nicht nur Zimmertüren per Kamera und Gesichtserkennung öffnen und schließen. Die Herberge ist auch das erste Roboter-Hotel der Welt. Statt Mitarbeiter aus Fleisch und Blut sind dort programmierte Maschinen, sogenannte Actroiden, im Einsatz. Obwohl die adrett gekleideten, dauerlächelnden Damen am Empfang vier Sprachen beherrschen: Dass sie wirklich verstehen, was sich ihr Gegenüber wünscht, würde wohl an ein technisches Wunder grenzen. Dafür bedarf es dann doch noch einer gehörigen Portion menschlichen Einfühlungsvermögens.

 

 

 

Quelle: CWT Connect Magazin, Ausgabe 03/2016;
Foto: gee-ly Zürich und Fraunhofer IAO Design: LAVA